+++Breaking News+++ Wenn Apps die Nachrichtenlage befeuern

Die News rund um das Virus sprießen, die Nachrichtenlage ist üppig. Die Folge: Pressekonferenzen hier, Sondersendungen dort - und zwischendurch unzählige Schlagzeilen, die über die einschlägigen Apps gefühlt im Minuten-Takt auf unseren Smartphones eintreffen.

Seit Wochen geht das so. Auf Zahl und Taktung, mit der Push Notifications momentan verschickt werden, reagieren nicht wenige Nutzer inzwischen sehr empfindlich. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, Nachrichtenversorgung und User Experience besser in Einklang zu bringen.

Die Tagesschau macht es, die F.A.Z macht es, n-tv macht es – und viele andere, deren Tagesgeschäft aus Nachrichten besteht, machen es ebenfalls: Den Nutzer mit Breaking News über Push-Notifications versorgen. Als Empfänger hat man dabei nicht immer das Gefühl, dass jede Meldung auch tatsächlich eine Meldung wert ist – zumal man angesichts der schieren Vielfalt an Kanälen, über die man sich informieren kann, so schon Probleme hat, Nachrichten schnell zu sortieren und einzuordnen.

Wir haben einen Blick darauf geworfen, wie einige der größten Publisher in Deutschland als relevante Nachrichtenorgane im Kontext der Coronakrise mit Push-Mitteilungen umgehen. So viel sei schon jetzt gesagt: Mit einigen leicht umsetzbaren Anpassungen könnten noch Potenziale ausgeschöpft und das Konsumieren von Meldungen für den Nutzer deutlich angenehmer werden.

Tipp 1: Anzahl der täglichen Push-Notifications begrenzen

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Um die Lage zu analysieren, haben wir mit dem 16. April einen Untersuchungstag auf dem Höhepunkt der Coronakrise gewählt. Die nackten Zahlen: Mit durchschnittlich acht Push-Notifications pro Tag belegte ZDFheute die Spitzenplatzierung, wenn es um die bloße Anzahl der Eilmeldungen geht, die die analysierten Nachrichten-Quellen verschicken.

Auch wenn uns inzwischen bewusst ist, wie schnell sich die Nachrichtenlage zu einem globalen News-Thema wie der Corona-Pandemie sich ändern kann: Die Frage, ob eine derart hohe Frequenz tatsächlich gerechtfertigt sind, muss zumindest gestellt werden.

Sehr viele Informationen innerhalb kürzester Zeit – der Effekt liegt auf der Hand: Je öfter wir mit Meldungen zum gleichen Thema konfrontiert werden, ohne bewusst danach gefragt zu haben, desto geringer wird unsere Sensibilität für die kommunizierten Inhalte. Gemäß dem Weber-Fechner-Gesetz aus dem Bereich der Neurowissenschaft nimmt so die Aufmerksamkeit des Rezipienten ab, was wiederum zu einer Verzerrung zwischen Realität und Wahrnehmung führt.

In der Praxis heißt das: Wer innerhalb kurzer Zeit fünf Meldungen zu Corona hintereinander konsumiert, wird er die fünfte weniger intensiv wahrnehmen als die erste Meldung. Ein Lösungsansatz: Um die Konzentration des Nutzers konstant sicherzustellen, könnten die heute-Redakteure zwischendurch andere Themen pushen, um die thematische Sättigungsschwelle nicht zu überschreiten und den Nutzer bei der Stange zu halten.

Wir alle haben inzwischen so viel über Corona gelesen und gehört, dass sich der Grenznutzen der Informationen massiv reduziert hat. Deshalb lautet die erste Empfehlung: die Anzahl der Push Notifications pro Tag zu begrenzen. Oder es alternativ dem Nutzer überlassen, über die persönlichen Einstellungen der App, zu einem bestimmten Thema unbegrenzt informiert zu werden.

Tipp 2: Meldungen hierarchisch aufbauen

Stellt man tagesschau- und FAZ-Meldungen gegenüber, so fällt auf, dass die Tagesschau mit der Tür ins Haus fällt, während die FAZ mit dem übergeordneten Thema einsteigt (“Corona-Pandemie”).

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Die Wirkung eines thematisch hierarchischen Aufbaus – Gesamteinordnung vor aktueller Meldung – liegt auf der Hand: Es bleibt dem Nutzer überlassen, die Detailinfo zu konsumieren, wenn er vorher über die Themenkategorie informiert wird. Ein unstrukturierter Aufbau zwingt den Konsumenten dagegen zum Lesen der gesamten Meldung, um den Kontext zu erfassen – was wiederum nicht im Sinne der User Experience ist.

Das Gedächtnis liebt es, Dinge wieder zu erkennen (“recognition”) und sich daran zu erinnern (“free bzw. cued recall”). Mit einem bekannten thematischen Einstieg, also kontextgebundenen Hinweisreizen, wird etwa die bewusste kognitive Suche und Erinnerung nach vergangenen Ereignisse reduziert und eine schnelle Einordnung bzw. Abrufhilfe gewährleistet.

Tipp 3: Eindeutige Push-Formate etablieren

Ist jede Eilmeldung tatsächlich eine Breaking News? Werfen wir einen Blick auf die Push-Mitteilungen von n-tv, sehen wir, dass die Original-Meldung zum Corona-Update aus Frankreich zwei Überschriften trägt: “Breaking News” und “Corona-Ticker”. Welche Zuordnung macht mehr Sinn?

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Klar ist: Zwei Überschriften sind in jedem Fall eine zu viel. Vielmehr sollte das Überschriften-Feature so genutzt werden, dass für den Nutzer eine eindeutige Einordnung der Nachricht erkennbar wird. Im Idealfall entstehen daraus mit dem Verlauf eines übergeordneten Nachrichtenthemas wie der Corona-Krise kleine “Push-Formate”, an die sich der Nutzer gewöhnt und welche als Leitplanken für sein Konsumverhalten fungieren können.

Unser Vorschlag in der oberen Grafik basiert auf der angebotenen Lösung von Apple, Überschriften in Push-Mitteilungen fett darzustellen. Auf diesem Weg lassen sich zum einen die empfohlene Formatierung visuell ansprechend umsetzen. Zum anderen kann so verhindert werden, dass die übergeordnete Themen-Kennzeichnung nicht mit den Detailinfos der Meldung “verschwimmt”.

Grundsätzlich bietet es sich an, die angebotenen Features zur Umsetzung eines Push-Konzepts zu prüfen und entsprechend anzuwenden. Bei ZDFheute fällt insbesondere die Doppelung des Absenders auf (zweimal “ZDFheute”). Besser wäre es, auch hier die Überschrift fett darzustellen und statt den Markennamen erneut zu platzieren, eine entsprechende Einordnung zu kommunizieren, zum Beispiel “Jetzt live” (siehe Beispiele).

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Auch ein Blick auf das oben aufgeführte Beispiel von n-tv offenbart Ansatzpunkte zur formalen Kritik: Der Hinweis auf das dritte Thema wird unvollständig angezeigt (“Sars-Co…”) und hinterlässt den Nutzer unwissend zurück. Solche “zerrissenen” Nachrichten bieten keinen Mehrwert und erfüllen damit nicht den eigentlichen Zweck einer Push-Meldung. Alternativ könnte man die Meldung kürzen oder mit dem Zusatz “mehr” kennzeichnen, dass es im Newsticker weitere Updates gibt.

Informieren ja - aber bitte auch verbraucherfreundlich!

Das menschliche Gehirn kann bis zu 60 Bits pro Sekunde bewusst wahrnehmen und verarbeiten. Laut dem Neurowissenschaftler Prof. Gerald Hüther entspricht das ungefähr einer 7-stelligen Telefonnummer. Auf unsere unbewusste Wahrnehmung hingegen prasseln jedoch ungefähr 15.000.000 Bits pro Sekunde ein. Alle diese Informationen bewusst zu verarbeiten, ist schier unmöglich.

Eine Anpassung von Push-Notifications, um die Aufmerksamkeit des Nutzers nicht überzustrapazieren, ist also auch aus wissenschaftlicher Sicht durchaus sinnvoll. Und auch wenn es noch einiges zu tun gibt: Mit den erwähnten Anpassungen können sich Publisher dem Ziel, nicht nur zu informieren, sondern die auch verbraucherfreundlich zu tun, ein gutes Stück nähern.

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